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Digitalisierung der Lieferkette vom Fachhandel bis auf die Baustelle

BENZ 4.0 heißt das Projekt, für das 2016 im Unternehmen der Startschuss fiel. Ziel war es, das gesamte Warenwirtschaftssystem auf eine einheitliche und komplett digitale Software umzustellen. Ein riesiger Schritt. Zumal andere Akteure im Bauwesen längst noch nicht so weit sind. Dennoch machte sich bei BENZ ein Kernteam daran, die Umstellung vorzubereiten. Das BENZ-4.0-Team bestand aus mehr als 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die als sogenannte Key-User sich in die Software einarbeiteten, Strukturen fanden und wochenlang ihre Kolleginnen und Kollegen in der Anwendung schulten. An Ostern 2018, zwanzig Jahre nachdem die vorhergehende Software eingeführt wurde, stellte BENZ sein System ein weiteres Mal um. Professor Dr. Michael Krupp, der an der Fachhochschule Augsburg zu logistischen Prozessen in der Bauwirtschaft forscht, skizziert in diesem Essay die Vorteile einer solchen digitalisierten Lieferkette.

von Prof. Dr. Michael Krupp, Forschungsgruppe für optimierte Wertschöpfung HSA_ops, Hochschule Augsburg

Digitalisierung heißt einer der Megatrends, der aktuell die Betriebe nahezu aller Branchen beschäftigt. Dabei ist das Thema Digitalisierung nicht erst seit dem Start des Zukunftsprojektes „Industrie 4.0“ durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung 2013 präsent, sondern eigentlich seit den 80ern. Doch erst in den letzten Jahren hat Digitalisierung wieder eine richtige Dynamik erhalten. Dabei befindet sich die Branche des Baustofffachhandels in einer besonderen Sandwichposition:

Auf der einen Seite verlagert der Handel immer mehr Geschäft ins Internet. Getrieben wird diese Entwicklung von Kunden, die keinen Unterschied mehr zwischen den Vertriebskanälen machen und eine extrem hohe und schnelle Verfügbarkeit von Waren erwarten. Auf der anderen Seite wird die Bauwirtschaft vom Konzern bis zum Handwerksbetrieb von der Digitalisierung ihrer Prozesse verändert. Die Bauwirtschaft nennt dies BIM – Building Information Modeling. Auf den ersten Blick ist das ein Planungstool für Bauingenieure und Architekten. Bei genauem Hinsehen handelt es sich dabei aber um den - unvermeidlichen - Schritt der Branche in die digitale Planung WIE AUCH Abwicklung der Baustellen.

Was die Bauwirtschaft der Digitalisierung lange entgegengehalten hat, waren die widrigen Bedingungen auf dem mobilen Umfeld einer Baustelle: Witterung, Schmutz, behandschuhte Hände, die besser Presslufthämmer halten als Mobiltelefone, mögliche Druck- und Stoßschäden, keine Netzanbindung etc. Alle diese Argumente können als widerlegt gelten. Smartphones haben in atemberaubender Geschwindigkeit eine 81%ige Marktdurchdringung erreicht. Auf jeder Baustelle finden sie Smartphones und sogar Laptops. Eine professionelle Handhabung sollte kein Thema mehr sein; denn was privat klappt, das funktioniert auch im Geschäft. Einzig die Netzabdeckung lässt im ländlichen Raum zu wünschen übrig. Allerdings sollen im Zuge des Breitbandausbaus hier bessere Anbindungen geschaffen werden. Zudem verspricht der nächste Mobilfunkstandard 5G mehr Bandbreite, mehr Zuverlässigkeit - und er wird in Berlin bereits aufgebaut. Als zusätzliche Beschleuniger einer Digitalisierung wachsen zu guter Letzt immer mehr junge Planer, Architekten, Bauleiter und Handwerker nach, die nicht verstehen, warum im Baugewerbe nicht schon längst digital vernetzt gearbeitet wird.

Alles in allem ein sehr fruchtbarer Nährboden für Innovationen, welche die Abläufe in der Bauwirtschaft nachhaltig verändern werden.

Dies betrifft sicher betriebsinterne Abläufe wie z. B. die digitale Erfassung von Aufmaß, die digitale Planung wie im erwähnten BIM vorgesehen, die digitale Baufortschrittsdokumentation und das digitale Leistungsverzeichnis. Unternehmen sind hier unterschiedlich weit. Gerade im Baumittelstand und im Handwerk gibt es noch Verbesserungsmöglichkeiten. Doch nur in innerbetrieblichen Prozessen zu denken, ist viel zu kurz gesprungen: Die Potenziale stecken besonders in überbetrieblichen Abläufen. Andere Branchen wie z. B. Maschinen- und Anlagenbau haben dies auch für Klein- und Kleinstserienfertigung mehrfach bewiesen. Auch in der Bauwirtschaft gibt es an den Schnittstellen zwischen den Unternehmen Reibungsverluste. Bereits eine ältere Studie hierzu zeigte: 35–40 % der Aktivitäten von Bautrupps verpuffen in logistischen Prozessen, also der Abwicklung der Materialversorgung auf der Baustelle. Auch wenn die Studie aus dem Jahr 1997 stammt, wurden diese Zahlen 2016 nochmals bestätigt –und werden in der Branche auch kaum bestritten. Eine Befragung der Hochschule Augsburg (HSA) entlang der Baulieferkette hat zudem deutliche Digitalisierungslücken aufgezeigt. Diese Lücken führen zu einer unkoordinierten Anlieferung von Waren, zu langwierigen Suchprozessen auf der Baustelle, Verstapelung von Waren, zu Nachbestellungen und Expresslieferungen sowie aufwendigen Abholprozessen durch Mitarbeiter der Bauunternehmen. Diese Prozessineffizienzen führen dazu, dass Fertigstellungstermine nicht eingehalten werden oder weniger Projekte angenommen bzw. abgearbeitet werden können.

Digitalisierungslücken im Auftragsdurchlauf

Wenn Material stets in der benötigten Menge bereitsteht, direkt am Verbauort und vorzugsweise morgens, wenn die Arbeiten beginnen sollen, dann kann sich der Betrieb auf das Wesentliche konzentrieren – nämlich auf das Abarbeiten des Gewerks. Fehlerhafte Bestellungen, Falschlieferungen, Verspätungen, Fehlmengen etc. behindern dies. Die Fehler an der Schnittstelle zum Lieferanten sind typisch und werden von jeder Partei traditionsgemäß einseitig interpretiert: Der jeweils andere ist schuld.

So werden beispielsweise ca. ein viertel der Zufuhraufträge bei BENZ extrem kurzfristig für denselben Tag oder den Folgetag bestellt. Da bleibt keine Zeit für eine effektive Disposition und Planung der Logistik. Die Einhaltung der Lieferqualität und Liefertermintreue wird vor diesem Hintergrund zu einer täglichen Herausforderung. Umso erstaunlicher, dass dennoch ca. drei Viertel dieser kurzfristigen Lieferungen rechtzeitig erfüllt werden. Eine weitere Verbesserung dieser Quote kann nur durch Kooperation an der Schnittstelle erfolgen: Wer Bedarfe frühzeitig meldet, kann auch verlässlich mit einer pünktlichen Belieferung rechnen.

Der Schlüssel zur Verbesserung liegt also auch bei Bauunternehmen und Handwerkern und dort in einer soliden Vorausplanung und frühzeitigen Kommunikation mit dem Zulieferer. Hier kommt das bereits angesprochene BIM ins Spiel. BIM digitalisiert die Planung. Aus den ermittelten Planungsdaten lassen sich Materialbedarfe in Form von Stücklisten pro Gewerk ableiten. Dies ist ein logischer Schritt bei der Nutzung von BIM zur Steuerung des Bauablaufs. Diese können bereits nach Fertigstellung der Planung an den Zulieferer kommuniziert werden und zwar verbunden mit einem groben Zeitplan. Der Abruf erfolgt dann nach Bauablauf trifft den Zulieferer aber nicht mehr „unvorbereitet“.

Auf Seiten der Zulieferbetriebe ist das Angebot digitaler Schnittstellen für unterschiedliche Kunden und deren individuelle Möglichkeiten nötig. Vergessen wird dabei oft die notwendige Neuordnung der Prozesse. Soll heißen: Digitalisierung ist nicht nur Software, sondern auch Ablauforganisation. Denn Software lagert keine Paletten aus! Die physischen Warenbewegungen im Lager müssen an die neue Geschwindigkeit der zukünftig digitalen administrativen Prozesse angeglichen werden. Der Kunde erwartet, was er auch privat kennt: „Amazon-Qualität“. Das heißt, Informationen über Warenverfügbarkeit in Echtzeit, die Avisierung eines Liefertermins bei Bestellung – und das alles hoch zuverlässig und in Echtzeit. Zulieferbetriebe und Fachhändler haben diesbezüglich noch Nachholbedarf. Die Befragung der Hochschule Augsburg zur Digitalisierung hat gezeigt, dass die Verfügbarkeit von Artikeln im Lager oftmals nicht verlässlich im System verzeichnet ist. Zu lange dauern die Buchungen, zu unzuverlässig sind die Aktualisierungen im Warenbestand.

Erster Schritt ist somit die Einführung und effiziente Nutzung eines leistungsfähigen Warenwirtschaftssystems sowie dessen Einbindung in die übergeordneten Prozesse entlang der Kette, von der Bestellung beim Hersteller bis zum Kunden auf der Baustelle.

Im Projekt BENZ 4.0 hat BENZ genau diesen Schritt getan. Durch die Einführung von SAP- und FIS-Software im April 2018 konnten Prozessstandardisierungen und lückenlose Abläufe in der Logistik umgesetzt werden. Im Fokus stand die transparente Bestandsführung bei permanenter Inventur.

Belege wie Lieferscheine und Rechnungen werden sowohl bei telefonischen und Online-Bestellungen als auch bei Abholung vor Ort elektronisch zugestellt. Das spart nicht nur Papier, sondern vor allem Zeit – bis die Belege womöglich noch durch persönliche Übergabe in der Buchhaltung ankommen. Über Schnittstellen sollen Kunden in Zukunft mit einem ständigen Informationsfluss versorgt werden und bspw. über den Verlauf ihrer Bestellung auf dem Laufenden gehalten werden – ähnlich wie bei der Bestellung bei einem Online-Versandhandel. Diese Transparenz erspart letztlich langwierige Nachfrageketten und Unsicherheit – und damit viel Telefon- und Wartezeit.

Für BENZ hat die Einführung der neuen Softwarelösungen den Grundstein für weitere Digitalisierungslösungen gelegt. Entwicklungspotenziale beinhaltet z. B. noch das Retourenmanagement. Doch die Richtung ist klar: Auch im Bauwesen wird die flächendeckende Digitalisierung Einzug halten. Und auch wenn der Weg für die gesamte Branche noch weit ist BENZ ist bereits aufgebrochen!

Glossar

■ BIM – Building Information Modeling Bezeichnet eine neue Methode der Planung, Bauausführung und des Betriebs eines Gebäudes. Zentrales Element ist eine Software, die durchgängig für die genannten Aktivitäten genutzt wird. In der Software fließen alle Planungsdaten digital zusammen, meist in dreidimensionaler und visualisierbarer Form. Das entstandene digitale Modell des Gebäudes kann entlang seiner Lebensphasen von unterschiedlichen Akteuren genutzt werden.
■ FIS Software Software der FIS Informationssysteme und Consulting GmbH, einem SAP-Dienstleister für den Mittelstand aus Grafenrheinfeld.
■ Industrie 4.0 Industrie 4.0 ist der Name eines Zukunftsprojekts, das die umfassende Digitalisierung der industriellen Produktion zum Ziel hat. Der Begriff wurde von der deutschen Bundesregierung geprägt und benennt ein gleichnamiges Projekt in der Hightech-Strategie der Bundesregierung. Hinter dem Begriff verbergen sich Schlüsseltechnologien wie das Internet der Dinge und das Internet der Dienste, cyberphysische Systeme, Maschine-zu-Maschine-Kommunikation, Robotik, Sensorik, 3D-Druck sowie im weiteren Sinne auch Big Data Management und Cloud Computing.
■ Mobilfunkstandard 5G Der aktuell leistungsfähigste breit verfügbare Mobilfunkstandard 4G soll durch den neuen Standard 5G abgelöst werden. Dieser verspricht eine höhere Datenrate (10 Gbit/s), die Möglichkeit, deutlich mehr Geräte gleichzeitig anzubinden, und eine verbesserte Übertragungsstabilität. Eine niedrigere Reaktionszeit durch extrem niedrige Signalverzögerung (Latenzzeit < 1 ms) ist für viele industrielle Anwendungen ein Schlüsselfaktor.
■ Retourenmanagement Retourenmanagement bezeichnet die Planung, Steuerung und Kontrolle von Rücklieferungen. Um Kosten in der Retourenabwicklung zu reduzieren, werden Retouren nach Möglichkeit vermieden oder der Abwicklungsprozess möglichst effizient gestaltet.
■ SAP Software vom gleichnamigen Unternehmen SAP aus Walldorf. SAP bildet sämtliche Geschäftsprozesse eines Unternehmens ab. In produzierenden Unternehmen wird sie als ERP-Software (Enterprise-Resource-Planning-Software) verstanden, die alle Ressourcen im Unternehmen beplant, insbesondere auch Materialwirtschaft und Produktionskapazitäten. In Handelsunternehmen wird sie als WWS verstanden.
■ Warenwirtschafts-System WWS Bezeichnet eine Unternehmenssoftware, über die alle Geschäftsprozesse eines (Handels-) Unternehmens abgebildet werden. Zentral sind dabei Warenzugänge, Lagerwirtschaft und Warenabgänge mit allen zugehörigen administrativen Prozessen von Bestellung über Inventur bis zur Verkaufsabwicklung.

Michael Krupp studierte Sozialwissenschaften und Betriebswirtschaftslehre an den Universitäten Erlangen-Nürnberg und Sevilla sowie an der FernUniversität in Hagen. Er promovierte am Lehrstuhl für Logistik in Nürnberg zum Dr. rer. pol. wirtschaftswissenschaftlicher Ausrichtung. Er beschäftigt sich seit über zehn Jahren intensiv mit logistischen Prozessen in der Bauwirtschaft. Thematischer Fokus dabei ist die Steigerung der Prozesseffizienz entlang der Versorgungskette (Supply Chain) der Bauwirtschaft, insbesondere durch den Einsatz von digitalen Hilfsmitteln und Methoden des Lean Managements. Zuletzt leitete Prof. Dr. Michael Krupp an der Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services SCS in Nürnberg die Gruppe „Service Engineering“ und das Lab „Geschäftsmodellentwicklung“. 2010 wurde er an die Hochschule Augsburg für das Lehrgebiet Logistik und Supply Chain Management der Fakultät für Wirtschaft berufen. Dort gründete er 2011 mit seinen Kollegen Richard und Waibel die heutige Forschungsgruppe für optimierte Wertschöpfung HSA_ops, die bis heute umfassende Beratungsleistungen in den Bereichen Logistik, Materialwirtschaft und Produktion bietet.
https://www.hsaops.org

1Vgl. BMBF (2017): „Industrie 4.0 - Innovationen für die Produktion von morgen“; BMBF, Berlin, S. 5; online: https://www.bmbf.de/pub/Industrie_4.0.pdf, aufgerufen am 24.06.2018.
2Einzelhandel: von 3,7 % (2010) auf 8,5 % (2015)
DIY Segment: von 48 Mio. EUR Umsatz (2010) auf 134 Mio. EUR Umsatz (2015)
Großhandel von 1,7 % (2010) auf 8,8 % (2015);
Quelle: Statista.de, Klaus Peter Teipel; IfH Köln und Statistisches Bundesamt, Wiesbaden.
3Ausgehend von 36 % in 2012, Quelle: Statista.de; Bitkom.
4Vgl. BMVI 82018): „Breitbandatlas“; online:
https://www.bmvi.de/DE/Themen/Digitales/Breitbandausbau/Breitbandatlas-Karte/start.html, aufgerufen am 24.06.2018.
5Vgl. Innovationscluster 5G BERLIN e. V., online: https://www.5g-berlin.org/, aufgerufen am 24.06.2018, vgl.
auch BMVI (2017): „5G-Strategie für Deutschland“; online:
https://www.bmvi.de/SharedDocs/DE/Publikationen/DG/098-dobrindt-5g-strategie.pdf?__blob=publicationFile, aufgerufen am 24.06.2018.
6Vgl. Gutermann, B. (1997): „Schlüsselfertiges Bauen – Logistik im Ausbau bei schlüsselfertiger Bauausführung“; Eigenverlag, Institut für Baubetrieb, Universität Dortmund, Dortmund, 1997; und vgl. Neuinterpretation der Messwerte bei Schmidt, N. (2003): „Wettbewerbsfaktor Baulogistik: Neue Wertschöpfungspotenziale in der Baustoffversorgung“; Deutscher Verkehrsverlag, Hamburg, 2003.
7Krupp, M.; Fleck, V. (2016): „Der Polier – Taktgeber der Bau Supply Chain“; Hochschule Augsburg Eigenverlag, 2016.
8Krupp, M.; Edler, S. (vsl. 2018): „Digitalisierung entlang der Bau Supply Chain“; Hochschule Augsburg Eigenverlag, vsl. 2018.
9Krupp, M.; Edler, S. (vsl. 2018): „Digitalisierung entlang der Bau Supply Chain“; Hochschule Augsburg Eigenverlag, vsl. 2018.

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